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Menschen mit Demenz einbinden

Wir können Avantgarde sein: Die Haßlocher Pfarrerin Christine Schöps bindet Menschen mit Demenz in das Gemeindeleben ein

"Sie brauchen nicht zu kommen, meine Mutter kriegt das gar nicht mehr mit." Die Haßlocher Pfarrerin Christine Schöps halten solche Anrufe dennoch nicht von einem Geburtstagsbesuch bei älteren, dementen Gemeindegliedern ab. Sie hört nicht nur Ablehnung, sondern auch die Verzweiflung dahinter. Und sie sieht diese unausgesprochene Wahrheit, wenn sie dann doch zum Gratulieren vorbeischaut. Sie spürt die Scham, die Hilflosigkeit, die Überforderung der Angehörigen angesichts einer Krankheit, die Partner, Eltern oder Großeltern zu Fremden werden lässt, die sich Stück für Stück aus dem "normalen" Leben verabschieden.

Ich erlebe oft Familien, die über ihre Kräfte hinaus versuchen, die Pflege eines dementen Angehörigen alleine zu stemmen. Das berührt mich sehr",

sagt die Pfarrerin.

Die Betroffenen und ihre Familien möchte Christine Schöps nun gezielt unterstützen. Als Gemeindepfarrerin erfährt sie täglich selbst, was "demografischer Wandel" bedeutet.

Da sind wir als Kirchengemeinde der Zeit voraus. Wir haben schon jetzt eine altersmäßige Zusammensetzung wie sie gesamtgesellschaftlich für das Jahr 2030 erwartet wird",

sagt die Pfarrerin. Vor diesem Hintergrund stelle sich die Frage, wie man es dementen Menschen ermöglichen könne, weiter am Leben der Gemeinde und den Angeboten teilzunehmen. "Diese Entwicklung ist doch auch eine Chance für uns. Wir können Avantgarde sein!", ist Schöps überzeugt.

Die Gemeinde Haßloch hat auf ihre Anregung hin das Jahr 2012 zum Themenjahr "Für ein besseres Leben mit Demenz" erklärt. Denn genau darum geht es: damit zu leben, statt davor die Augen zu verschließen. Gemeinde, Vereine, Verbände, Sozialstation und Pflegestützpunkt sind mit im Boot. "Schnell und unproblematisch" habe es geklappt, das Anliegen über die Kirchengemeinde hinaus in Haßloch einzubringen. Und so ist es das erste große Ziel der Pfarrerin, die Menschen in der Gemeinde für das Thema zu sensibilisieren, ein Bewusstsein für das besondere Verhalten dementer Menschen aber auch für die Situation der Angehörigen zu schaffen. Zur Öffentlichkeitsarbeit gehört eine Themenreihe, die mit einer Auftaktveranstaltung im Februar begann und vom Bürgermeister moderiert wurde. "Die Resonanz war gut. Und meine Erfahrung ist, dass es seither leichter fällt, über das Thema zu sprechen", berichtet die Pfarrerin.

Auch für die Arbeit in der Kirchengemeinde hat das Engagement konkrete Folgen. Dabei geht es um Aspekte wie die Barrierefreiheit oder die spezielle Farbgebung im Sanitärbereich, die die Orientierung erleichtern soll. Sämtliche Angebote und auch Beschlüsse des Presbyteriums werden daraufhin geprüft, welche Auswirkungen sie auf Menschen mit Demenz haben. Und so gibt es auch inhaltliche Änderungen.

  • Die Mitglieder des Besuchskreises werden darauf vorbereitet, wie sie mit dementen Menschen richtig umgehen können.
  • Im Seniorenkreis gibt es regelmäßig Gedächtnistraining.
  • Es werden bekannte Lieder gesungen.
  • Und es wird viel miteinander erzählt.

"Diese Alltagskommunikation ist sehr wichtig", weiß Schöps. In naher Zukunft möchte sie in Zusammenarbeit mit der Sozialstation auch spezielle Gottesdienste für Demente und ihre Familien anbieten. Eine Herausforderung, denn demente Menschen reagierten "schnell, ursprünglich und ehrlich". Darauf müsse man sich einlassen. Also keine lange Predigt, eine einfache Sprache, viele Lieder und viel Blickkontakt.

Spiritualität ist für demente Menschen ein ganz großes Thema. Denn hier geht es nicht darum, etwas richtig machen zu müssen. Hier kann man keine Fehler machen",

erklärt die Pfarrerin. Schon oft hat sie miterlebt, wie wohltuend und beglückend es für Menschen mit Demenz ist, wenn sie plötzlich merken, dass sie den Liedtext noch kennen und mitsingen können. "Und wenn es nur diese zwei Minuten sind", sagt Schöps. Es seien zwei Minuten, in denen die Betroffenen wieder Boden unter den Füßen spürten in einer Welt, die ihnen zunehmend fremd werde.
Die Verknüpfung mit Angeboten der Sozialstation möchte Schöps vorantreiben. Angehörige sollten bereits in der Zeit vor der offiziellen Diagnose Unterstützung bekommen. Diese Zeit der Ungewissheit sei für viele Betroffene nur schwer auszuhalten. Gut vorstellen kann sich die Pfarrerin ein Art Café, einen offenen Treff für Angehörige, der auch helfe, diese ein Stück weit aus ihrer Isolation zu holen. Schöps möchte das Thema Demenz nicht schönreden:

Es ist mit viel Schmerz und Trauer verbunden und geht an die Grundfragen. Mir ist es aber wichtig, nicht nur die Horrorszenarien im Blick zu haben. Ich sehe darin eine ganz große Chance, sich als Gemeinde neu zusammenzufinden, sich darüber zu verständigen und auch zu leben, was Menschsein eigentlich bedeutet.