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Frau-Sein als Reichtum

In einem Workshop setzen sich Frauen mit Migrations- oder Fluchthintergrund mit ihrem Selbstbild als Frau künstlerisch auseinander

 

 

Speyer (dwp). "Frau-Sein" heißt ein Workshop, der Frauen mit Migrations- oder Fluchthintergrund dazu ermutigt, sich künstlerisch mit ihrem Selbst- und Körperbild sowie kulturell geprägten Frauenbildern auseinanderzusetzen. Jeden Freitagnachmittag trifft sich die Gruppe bis Mitte März, um gemeinsam näher in die Thematik einzutauchen.

Buntes Stimmengewirr empfängt die Besucherinnen beim Eintritt in den offenen Raum, der vom Mehrgenerationenhaus Speyer zur Verfügung gestellt wird. Zum Trommelrhythmus im Hintergrund bearbeiten 17 Frauen ungeformten Ton. Nach einer Zeit wird es stiller, denn jede ist nun konzentriert auf ihr Werk. Der Workshop "Frau-Sein" ist Teil des Projektes "Sexualaufklärung und Familienplanung im interkulturellen Kontext" unter der Trägerschaft des Diakonischen Werks Pfalz. Gefördert wird es von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und dem Familienministerium. Geleitet und begleitet wird es von der Referentin Eva-Maria Wecker. Ziel des Projektes ist es, Frauen zusammenzubringen, um ihnen die Gelegenheit zu bieten, sich mit Ihrem Selbstbild als Frau aus einer anderen Perspektive künstlerisch auseinanderzusetzen - sei es, um sich selbst zu vergewissern oder aber neue Horizonte zu erfahren und Grenzen zu überwinden.

Das Kulturhaus Pablo ist dabei der wichtigste Kooperationspartner. Es stellt nicht nur einen großen Teil der Mittel und des Materials, sondern engagiert auch die Künstlerinnen. Gearbeitet wird mit verschiedenen Techniken und Materialien wie japanischer Tusche, Acryl, Action Painting, Draht aber auch Theater-Experimenten, die verschiedene Sinne ansprechen und auf vielfältige Art Selbsterfahrung ermöglichen.

"Das Projekt löste eine spontane Begeisterung bei den Künstlerinnen aus, es fanden sich auf Anhieb acht Ehrenamtliche die bereit waren, zusammen Positives zu schaffen",

berichtet Gabriele Fischer, die zweite Vorsitzende des Kulturhauses Pablo.

Die Teilnehmerinnen sind größtenteils Frauen aus dem Nahen Osten, weshalb eine arabischsprechende Übersetzerin zur Kommunikationserleichterung anwesend ist. Aber auch Frauen mit anderem Migrationshintergrund sowie ehrenamtliche Deutsche sind dabei. Bei der Anmeldung gab es kaum Ausschlusskriterien, da die Organisatoren eine möglichst große Zielgruppe erreichen wollten. Entstanden ist eine Gruppe, die von Treffen zu Treffen zwischen 12 und 24 Personen variiert und altersmäßig eine Gruppe von 17- 50 Jahren abdeckt: Mütter mit Ihren Töchtern, Freundinnen oder einfach Frauen, die Kontakte suchen, kommen hier zusammen und stellen sich jede auf Ihre Art die Frage: Wer bin ich eigentlich als Frau?

Kunst als Sprache, die jede(r) versteht

Eva-Maria Wecker und Gabriele Fischer betonen die gelungene Zusammenarbeit und die erfolgreiche Vernetzung der Institutionen, die in Speyer aufgrund der kleinstädtischen Strukturen möglich sind. Besonders bei der Arbeit mit Geflüchteten sei es gelungen, Ehrenamtliche, Betroffene und zuständige Einrichtungen zusammenzubringen. Wie wichtig diese Angebote für die Frauen sind, erzählen die Frauen selbst: Eine 43-jährige Jamaikanerin, die erst vor fünf Monaten nach Deutschland kam, freut sich jede Woche neu auf das Treffen, obwohl sie anfangs von ihrem Mann erst dazu überredet werden musste. "Hier komme ich unter Leute und habe viel Spaß. Vorher hatte ich nie etwas mit Kunst zu tun, das alles ist für mich neu und interessant. In jedem Fall ist es besser, als zu Hause zu sitzen. Ich kann mich nicht mit allen Frauen unterhalten, aber in der Kunst gibt es nur eine Sprache. Und die verstehen alle. Die Ergebnisse zeigen, dass es hier viele gibt, die richtig kreativ sind."

Auch Aya, eine 18-jährige Syrerin ist von dem Kurs begeistert. Sie ist zwar bereits seit zwei Jahren in Deutschland, hatte sich bisher aber erfolglos nach einem entsprechenden Kunstkurs umgeschaut. Von dem Projekt erfuhr sie von einem Frauentreff. Eva-Maria Wecker war bereits auf das künstlerische Talent der jungen Frau aufmerksam geworden und empfahl ihr die Teilnahme an dem Kurs. "Die meisten Frauen hier sind etwas älter und sprechen meistens über Frauensachen. Das interessiert mich nicht so. Zu Hause zeichne ich meistens mit einem schwarzen Kugelschreiber, hier lerne ich neue Methoden kennen. Das ist manchmal etwas schwierig, macht aber auch großen Spaß", berichtet die geflüchtete Kurdin. Ziel des Treffens ist es nicht, den Frauen ein spezifisches Frauenbild aufzudrängen, sondern Frauen dazu zu ermutigen, ein positives Selbstbild zu entwickeln und über die Kunst zum Ausdruck zu bringen. Da die Thematik sehr persönlich ist, wird viel Wert auf einen vertraulichen und selbstbestimmten Rahmen gelegt.

"Die Frauen sollen ihr Frau-Sein als Reichtum verstehen und einbringen, jede soll die Freiheit haben, ihr Werk nach ihren eigenen Vorstellungen und Wünsche zu gestalten", betont Gabriele Fischer. Eva- Maria Wecker stimmt ihr zu: "Unser Ziel ist es, Prozesse anzustoßen, die dann bei jeder Frau eine eigene Dynamik entwickeln. Wir arbeiten ergebnisoffen, sind flexibel und lassen uns überraschen."

Tina Pazer/dwp