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Die Armen im Blick

Annette Bassler (SWR) trifft Albrecht Bähr, Sprecher der Geschäftsführung der Arbeitsgemeinschaft Diakonie in Rheinland- Pfalz

Mainz. Für die Sendereihe SWR1 Begegnungen sprach Annette Bassler mit Albrecht Bähr, Geschäftsführung der Arbeitsgemeinschaft Diakonie in Rheinland- Pfalz. 

Manuskript der Sendung SWR1 Begegnungen

"Leiden in Solidarität"

In diesen Tagen ist die Diakonie besonders gefordert. Denn die Zahl der Menschen, die in wirtschaftliche Bedrängnis geraten, wächst. Als Landespfarrer für Diakonie weiß Albrecht Bähr, wo in Rheinland- Pfalz momentan die Not am größten ist. Ich bin ihm - ausnahmsweise - am Telefon begegnet.

es gibt drei Gruppen, die besonders bei uns im Fokus stehen. Das sind die Kinder, das sind die Menschen, die in sehr prekären Situationen leben und das sind die Alten.

Jedes 10. Kind in Deutschland lebt in Armut, in einer engen Wohnung. Jetzt sind Schulen und Kitas geschlossen. Für sie bedeutet das:

in der Schule hatten sie Bewegungsfreiräume, ebenso in der Kita, sie haben ein warmes Essen bekommen, ein gesundes noch hinzu…. Und sie hatten Kontakte. Und das alles bricht jetzt weg.

Die Eltern dieser Kinder hatten schon vorher keine Rücklagen, haben schon immer von der Hand in den Mund gelebt. Und nein, es sind nicht die, die faul sind.

wir haben sehr viele Menschen, die fleißig daran arbeiten, dass sie ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten können, die einen Zweit- und einen Drittjob haben und das alles funktioniert jetzt nicht mehr….. das macht große Sorge, es rufen immer mehr Familien an, die schlicht und einfach Geld brauchen oder Lebensmittel brauchen um über den Tag zu kommen.

Und auch für die Alten, die sich tapfer in ihren eigenen Wohnungen über Wasser halten, entsteht eine besondere Not, weiß Albrecht Bähr. Viele sind sehr einsam..

wo Hauswirtschaftskräfte nicht mehr ins Haus kommen, wo die osteuropäischen Hilfskräfte auch nicht mehr da sind, weil sie in ihre Heimatländer gereist sind.

In diesen Tagen bin ich besonders dankbar dafür, dass wir nicht nur einen Sozialstaat haben, sondern auch kirchliche Einrichtungen wie die Diakonie. Und dass viele von uns- anders als in vielen europäischen Ländern- Kirchensteuer zahlen.

die Landeskirche und das diakonische Werk haben zunächst einmal 40 Tausend Euro bereitgestellt als Soforthilfe, dann haben wir unseren Kinderhilfsfond…und wir fordern die Bevölkerung auf zu spenden, um dieses Geld dann sehr unbürokratisch und sehr schnell an die betroffenen Familien geben zu können.

Ich bin dankbar für dieses große Netz der Solidarität, das wir noch haben. Viele engagieren sich in diesen Tagen. Und sie tun es, weil sie spüren: das tut mir auch gut. Es hilft mir selber, mit dem Schrecken und der Ohnmacht in diesen Tagen klarzukommen. Das erlebt Albrecht Bähr auch immer wieder.

wenn ich mit Menschen spreche, auch Ehrenamtliche, die versuchen, jetzt sich zu engagieren. Wenn ich in ihre Augen schaue und merke, da ist etwas sehr Segensreiches, was ich wahrnehme und was weitergegeben wird.

Geteiltes Leid ist halbes Leid, sagt man. Ich glaube, es ist sogar mehr. Ich glaube, dass Gott uns nah ist, wenn wir unser Leid teilen. Deshalb bedenken wir in der kommenden Woche Jesu Leiden, deshalb feiern wir nächsten Sonntag seine Auferstehung.

mitleiden und mitverwandelt werden

Heute ist Palmsonntag. Der Sonntag, an dem Jesus umjubelt von den Leuten auf Palmzweigen in Jerusalem eingezogen ist. und der Anfang seines Leidenswegs. Als Landespfarrer für Diakonie hat Albrecht Bähr die im Blick, die unter Krankheit und materieller Not leiden. Jetzt sind es so viele. Und sie brauchen Geld. Aber auch noch mehr. Nämlich Trost. Keine Vertröstung.

Trost könnte sein, dass man ihnen das Gefühl gibt: wir haben euch im Blick. Wir blenden euer Schicksal nicht aus.

Wir haben euch im Blick. Nicht die ganze Welt, aber euch. Ich kann nicht alle im Blick haben. Aber vielleicht die Nachbarin, die nicht raus kann. Oder den Freund, der schon immer zur Traurigkeit geneigt hat. Ich muss sie nicht retten, aber im Blick haben. Ihr Leiden nicht kleinreden.

Das ist so etwas, was mich ….manchmal irritiert: die Menschen sind alle sehr optimistisch und bringen das auch sehr gut rüber, es tut auch manchmal gut, aber entscheidend ist, dass man mit den Menschen auch gemeinsam leiden kann,

einfach nur dasein, den anderen im Blick haben, auch wenn es sich nach wenig anfühlt, so ist es doch ganz viel.

wenn man weiß, es ist ein Mensch, der allein lebt und der eigentlich hilfsbedürftig ist, dass man sagt: lass uns einen Kontakt aufbauen, man kann sich auch am Fenster unterhalten. Oder ich steh am Garten und du stehst an deinem Fenster.

Vielleicht erleben derzeit viele so etwas Ähnliches wie Jesus. Sie müssen viel Schmerzliches ertragen und verstehen nicht, wozu. Ich glaube, dass sie wie Jesus dennoch von Gottes Nähe umfangen sind, auch wenn sie das nicht so recht spüren können. Albrecht Bähr geht es ähnlich.

ich hab manchmal auch traurige Gedanken und manchmal bin ich auch matt in dem Tagesablauf, den ich zu bewältigen habe. Aber meine Grundüberzeugung ist die, dass wenn wir Menschen das versuchen einzusetzen, was wir an Gaben haben, dass darauf Segen liegt.

Was ihr einem der Geringsten unter uns getan habt, das habt ihr mir getan. Hat Jesus gesagt. Darum bin ich überzeugt; es liegt ein Segen darauf, wenn wir einander beistehen. Da ist eine göttliche Kraft drin. Eine göttliche Kraft, die uns über uns selber hinauswachsen lässt. Vielleicht gehen wir eines Tages als Gesegnete aus dieser Krise hervor, Albrecht Bähr wünscht sich das jedenfalls.

wenn wir wirklich wollen, und auch was lernen wollen aus der Krise, dann ist es auch das, dass alle zur Gemeinschaft gehören, dass alle einen Anspruch auf die Fülle des Lebens haben und nicht die einen privilegiert durch diese Krise gehen und die anderen mit noch mehr Leid mit noch weniger Gesundheit mit noch mehr Entbehrung ihren Tagesablauf gestalten müssen. Ich bin sehr gespannt, was nach der Krise geschieht.

Zum Nachhören: