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Heilpädagogium Schillerhain startet bundesweit einmaliges Hilfsprogramm für auffällige Jugendliche

„Multisystemische Therapie“ setzt auf intensive therapeutische Arbeit mit den Familien

Was tun mit Jugendlichen, die immer wieder durch aggressives Verhalten auffallen, Drogen konsumieren, den Schulbesuch verweigern und schon die eine oder andere Straftat begangen haben? Seit Anfang des Jahres soll in Mainz ein neues Angebot dabei helfen, dass auch diese Jugendlichen eine Zukunftsperspektive haben. „Multisystemische Therapie“ (MST), nennt sich das Konzept, das auf eine mehrmonatige, höchst intensive pädagogische und psychologische Arbeit mit den Familien von sogenannten sozial auffälligen Jugendlichen setzt. Ein Team des Heilpädagogiums Schillerhain aus Kirchheimbolanden hat damit begonnen, MST in Mainz zu etablieren.

Entwickelt wurde das Konzept der Multisystemischen Therapie vor rund 30 Jahren in den USA. In vielen Bundesstaaten der USA, aber auch in Kanada, Australien, Neuseeland, Chile und einer Reihe von europäischen Ländern wie der Schweiz, den skandinavischen Staaten, Großbritannien, Belgien und den Niederlanden wird MST schon seit einigen Jahren erfolgreich eingesetzt. Deutschland hingegen war bisher ein weißer Fleck auf der MST-Landkarte: das Mainzer MST-Team ist das erste und bisher einzige in der Bundesrepublik. Und das, obwohl das MST-Konzept offensichtlich erfolgreich ist. „MST ist wissenschaftlich so gut untersucht und evaluiert wie keine andere Jugendhilfemaßnahme. Inzwischen gibt es weltweit rund 500 lizensierte MST-Teams, die mit jährlich 23.000 Jugendlichen arbeiten. Und alle diese Fälle werden evaluiert. Zahlen aus der Schweiz belegen zum Beispiel, dass über 80% der Jugendlichen auch 1 ½ Jahre nach Abschluss der Maßnahme weiter in ihren Familien leben, eine Schule besuchen oder eine Ausbildung machen und keine strafbaren Delikte mehr begangen haben,“ berichtet der Einrichtungsleiter im Heilpädagogium Schillerhain, Gert Geister.

Geister sieht deshalb in der MST eine sinnvolle Ergänzung zum bisherigen Hilfeangebot seiner Einrichtung, die in Mainz und Alzey schon länger Tagesgruppen sowie ambulante Hilfen für Familien anbietet und an ihrem Stammsitz im nordpfälzischen Kirchheimbolanden ein breites Angebot von Wohngruppen mit unterschiedlichen pädagogischen Konzepten sowie eine Förderschule mit dem Schwerpunkt sozial-emotionale Entwicklung vorhält. In Mainz ist zunächst ein dreiköpfiges Team für das MST-Angebot zuständig, das seinen Sitz in der Saalestraße 1 im Stadtteil Gonsenheim hat. Für die organisatorische Leitung des Teams verantwortlich ist Psychologin Sarah Stucky, Bereichsleiterin für den Psychologisch-Therapeutischen Dienst des Heilpädagogiums, dem das MST-Team organisatorisch zugeordnet ist.

Für Barbara Weil, die Teamkoordinatorin des Mainzer MST-Teams, unterscheidet sich die MST in mehreren Punkten von anderen Jugendhilfe-Konzepten. „Zunächst mal ist die MST sehr, sehr intensiv. Im Schnitt drei Mal pro Woche, im Bedarfsfall aber auch fast täglich, sind die MST-Mitarbeiter vor Ort in der Familie. Während der vier bis sechs Monate, die eine Maßnahme läuft, sind sie außerdem rund um die Uhr für die Familien erreichbar,“ berichtet die Psychologin. Ein weitere Unterschied: die MST-Mitarbeiter arbeiten vorrangig nicht mit den Jugendlichen selbst, sondern mit deren Umfeld, vor allem mit den Familien. „Die Jugendlichen haben meist gar keinen Leidendruck, etwas zu verändern. Gerade bei Störungen des Sozialverhaltens geht es aber oft darum, dass Eltern nicht in ausreichendem Maß Regeln aufgestellt und durchgesetzt oder Erwartungen ausgesprochen haben,“ erläutert Weil den Ansatz..

Schließlich: bei der MST arbeiten die Mitarbeiter nach einem vorgegebenen, klar strukturierten Programm: „Zunächst werden mit der Familie klare, messbare Ziele festgelegt. Bei jedem Punkt schauen wir zusammen mit der Familie dann genau: welche Faktoren spielen für das auffällige Verhalten des Jugendlichen da eine Rolle? Wo gibt es Stärken in der Familie, die bei einer Veränderung hilfreich sein können? Welches Ziel muss zuerst in Angriff genommen werden? Durch welche konkreten Maßnahmen kann hier eine Veränderung erreicht werden?“ beschreibt Weil das Vorgehen. „Jede vereinbarte Maßnahme wird möglichst umgehend auf ihre Wirksamkeit hin überprüft. Und wir achten darauf, die Eltern immer aktiv in Handlung zu halten. Schließlich sollen sie ja in der Lage sein, am Ende der Maßnahme Probleme selbst zu lösen und eigenständig das Handwerkszeug, das sie während MST bekommen haben, anzuwenden,“ so die Psychologin.

Jeder einzelne Schritt wird dabei von den MST-Mitarbeitern genau dokumentiert. Jede Woche bespricht Weil mit den Teammitgliedern die einzelnen Fälle. Ihre Aufgabe als Teamkoordinatorin ist es, darauf zu achten, dass die MST-Systematik konsequent eingehalten wird. Hinzu kommen wöchentliche Fallbesprechungen des Teams mit einer erfahrenen MST-Expertin in den USA, die vor allem die Einhaltung der MST-Prinzipien und des MST-Prozesses in jedem einzelnen Fall überprüft. Monatliche Entwicklungsgespräche sind ebenfalls fester Bestandteil des Konzeptes. „Natürlich ist das viel Dokumentation,“ gesteht Weil ein, „aber gerade die ständigen Feedback-Schleifen helfen uns, effizient zu arbeiten und die Prinzipien einzuhalten, mit denen der Erfolg der Maßnahme steht und fällt.“

Weil und Geister sind zuversichtlich, MST bald nicht nur in Mainz anbieten zu können. Außer dem Mainzer Jugendamt haben bereits schon weitere Jugendämter ihr Interesse bekundet, MST in das Spektrum ihrer ambulanten Hilfen zur Erziehung aufnehmen zu wollen. Mehr als 45 Minuten Anfahrt sollten allerdings wegen der intensiven Betreuung der Familien nicht anfallen, betonen sie. Geplant ist, bei entsprechender Nachfrage das Team um zwei weitere Mitarbeiter zu vergrößern. Bis zu 16 Fälle gleichzeitig könnten dann in Mainz und Umgebung betreut werden. „Selbstverständlich werden wir unsere Erfahrungen mit dem neuen Konzept kontinuierlich auswerten,“ betonen die beiden. Außerdem habe schon eine Universität Interesse an einer wissenschaftlichen Begleitung bekundet.