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"Eine gerechte Gesellschaft ist zutiefst menschlich"

Die Herbstsynode der Evangelischen Kirche der Pfalz beschäftigt sich am Schwerpunkttag mit dem Thema "Versöhnung – Gerechtigkeit – Partizipation". Kirche und Politik mahnen eine solidarische Gesellschaft an. Wohlstand entstehe dort, wo Menschen sich entfalten könnten.

 

 

Ministerpräsidentin Malu Dreyer sprach zum Schwerpunktthema der Synode. Foto: Landry

Berichteten aus ihrer Praxis: Der Pirmasenser Oberbürgermeister Bernhard Matheis (links) und Landesdiakoniepfarrer Albrecht Bähr. Foto: lk

Speyer (lk). Oberkirchenrat Manfred Sutter hat auf der Synode der Evangelischen Kirche der Pfalz mehr Gerechtigkeit und Solidarität in der Gesellschaft angemahnt und die Verantwortlichen in Kirche, Politik und Wirtschaft zur Umkehr aufgerufen. Es gehe ein "Riss durch die Gesellschaft wie eine offene Wunde". Auch im reichen Deutschland seien viele Menschen aus unterschiedlichen Gründen von Armut, Perspektivlosigkeit und sozialer Isolation bedroht, sagte der Diakoniedezernent in seiner Einführungsrede in das Schwerpunktthema der Herbstsynode: "Versöhnung - Gerechtigkeit - Partizipation". Es entspreche dem urchristlichen Auftrag von Kirche und Diakonie, den Armen und gesellschaftlich Benachteiligten eine Stimme zu geben und jeden Menschen mit seinen Gaben und Fähigkeiten anzuerkennen.

Nach den Worten von Ministerpräsidentin Malu Dreyer sind Politik und Kirche gut beraten, bei der Bewältigung der Zukunftsaufgaben an einem Strang zu ziehen. "Die Diskussion über Gerechtigkeit und Teilhabe ist heute wichtiger denn je", sagte Dreyer in ihrem Grußwort vor der Synode. Bei der "Neujustierung der Solidarität in der Gesellschaft" komme Bildung und Erziehung "ab dem Kita-Alter" eine Schlüsselrolle zu. "Der Teufelskreis von Bildungsarmut und materieller Armut muss unterbrochen werden." Wenngleich das Thema soziale Gerechtigkeit in der Gesellschaft an Strahlkraft verloren habe, seien Konzepte zur gerechten Teilhabe keineswegs "out", sagte Dreyer. Kirche und Staat seien sich in dem Ziel einig, dass im Mittelpunkt einer gerechten Gesellschaft der Mensch stehen müsse. Viele hätten Zukunftsängste in Folge der Digitalisierung am Arbeitsplatz und der ungleichen Verteilung von Vermögen. "Für mich ist Gerechtigkeit 4.0 die große Herausforderung, die wir gemeinsam mit den entscheidenden Akteuren gestalten müssen", betonte die Ministerpräsidentin. Sie dankte der Evangelischen Kirche der Pfalz und ihrer Diakonie dafür, dass sie sich für den Zusammenhalt der Gesellschaft einsetzten und "Stimme" für diejenigen seien, die sich nicht selbst artikulieren könnten.

Die Folgen des Risses zeigten sich allenthalben, führte Oberkirchenrat Sutter aus: An den Warteschlangen vor den "Tafeln", an leergefegten Kleiderkammern und überfüllten Beratungsstellen, aber auch in ungleichen Bildungs- und Ausbildungschancen. Tagtäglich seien die Mitarbeiter der diakonischen Beratungsstellen und die vor Ort in den Kirchengemeinden Engagierten mit den Folgen konfrontiert und erlebten hautnah die soziale Isolation armer Menschen. Laut den Ergebnissen einer Untersuchung von 2016 (von Prognos, Stuttgart) sei die soziale Situation beunruhigend, so Sutter. Auf dem Gebiet der pfälzischen Landeskirche liege demnach die Armutsquote bei rund 16 Prozent. "Wir sehen den Riss, wir wissen um unseren Auftrag." Mit Blick auf die mittelfristige Finanzplanung sagte der Diakoniedezernent, die Evangelische Kirche der Pfalz müsse dafür Sorge tragen, "dass die Beratungsarbeit des Diakonischen Werkes auch in Zukunft "menschennah, gemeindenah und in der Fläche der Landeskirche" betrieben werden könne.

Sozialstaat muss differenziert auf Problemlagen eingehen

Auch nach den Worten des Theologen und Sozialwissenschaftlers Professor Gerhard Wegner ist Armut nicht der einzige Aspekt eines Gerechtigkeitsverständnisses. Gerechtigkeit werde dort erfahren, wo Menschen sich entfalten und in ihrer Unterschiedlichkeit miteinander kooperieren könnten. "Wo das möglich ist, kann Wohlstand entstehen", sagte der Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in seinem Impulsreferat zum Schwerpunktthema der Landessynode. Gerade aus christlicher Sicht bedeute Gerechtigkeit nicht nur materiellen Wohlstand, sondern vor allem auch Mitmenschlichkeit. Daher sei eine gerechte Gesellschaft "eine zutiefst menschliche Gesellschaft".

Gerechtigkeit komme in allen Bereichen der Zivilgesellschaft eine Schlüsselfunktion zu: in der Familie, der Bildung, in Arbeit und Wirtschaft und bei Fragen der Sicherheit. "Wo Angst vor Sozialverlust oder vor Bedrohungen durch Kriminalität und Gewalt herrsche, könnten sich Menschen, vor allem die sozial Schwächeren, nicht wirklich entfalten. Ein Sozialstaat müsse daher differenziert auf Problemlagen eingehen, Menschen in der Not absichern "und ihnen auch wieder aus der Not heraus helfen". Gerade in der gegenwärtigen Flüchtlingskrise zeige sich, wie tragfähig die Gerechtigkeit eines Landes tatsächlich sei. Sie äußere sich nicht darin, dass man "möglichst ganz viele Flüchtlinge aufnimmt", sondern darin, dass man in gegenseitiger Anerkennung darüber rede, wie viele es sein können, ohne eine Gesellschaft und seine schwächsten Mitglieder zu bedrohen, sagte Wegner.

In einer anschließenden Podiumsdiskussion berichtete der Pirmasenser Oberbürgermeister Bernhard Matheis "aus der Praxis": Bei einer Arbeitslosenquote von über zwölf Prozent in einer der ärmsten Städte Deutschlands gingen über 70 Prozent der Einnahmen in den Sozialbereich, sagte Matheis, der auch Vorsitzender des rheinland-pfälzischen Städtetages ist. In dieser Situation habe sich der "Pakt für Pirmasens", ein Netzwerk von Haupt- und Ehrenamtlichen aus allen Bereichen der Gesellschaft, als überaus hilfreich erwiesen. "Der Staat kann das Problem nicht alleine lösen", appellierte Matheis, Eigenverantwortung zu übernehmen. Ausdrücklich bedankte sich der Oberbürgermeister bei der pfälzischen Diakonie und bei der Pirmasenser Dekanin Waltraud Zimmermann-Geisert für ihr Engagement in dem sozialen Netzwerk.

Bei der Frage der sozialen Gerechtigkeit müsse auch über die Verteilung von Geld geredet werden, betonte Diakoniepfarrer Albrecht Bähr. Er plädierte für eine ehrliche Diskussion, wie viel die Kirche bereit sei, für ihre Diakonie auszugeben, und welche Prioritäten sie setze. Diakonie sei immer  anwaltschaftliche Lobbyarbeit für Menschen in Not, aber konkreter Einsatz vor Ort.

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